Angedacht / Thema

Angedacht

Nach einer Kinderzirkuswoche voller Lebendigkeit mit knapp 60 Kinder- und
Jugendlichen, haben wir in der 2. Sommerferienwoche mit den Jugendlichen
eine Bühnenfassung von „Don Quichote“ einstudiert und nach nur fünf Tagen
aufgeführt. Zwischendurch standen wir da und dachten, wie verrückt wir sind,
zu glauben, in fünf Tagen könnte so ein Stück mit eigener Musik, mit selbst
gebastelten Requisiten, Kostümen, Bühnenbau, Licht- und Tontechnik zu
schaffen sein. Wir wollten es und wir hatten Freude daran, mit einander etwas zu
gestalten. Und jeder noch so kleine Handgriff gehörte zum Gelingen des
Ganzen ganz wichtig dazu.
Mir sind aus diesen beiden Wochen viele berührende Bilder geblieben. Dazu
gehören Bilder, in denen die Kinder und die Jugendlichen in gegenseitiger
Achtung und Hingabe miteinander üben, proben und entwickeln. Und dazu
gehören Bildern von den Jugendlichen, die morgen uns und abends vor und nach
langen, schönen, spannenden und manchmal richtig anstrengenden Probentagen,
bei einander sitzen und singend beten.
Es ist ganz nah und doch schwer zu fassen, was da trägt und über uns
hinausreicht. Es ist mitten unter uns, wir spüren es als Gemeinschaft und als
Kraft, die uns gemeinsam trägt. Was uns zusammenführt und möglich macht,
woran wir zuvor gezweifelt haben. Im gemeinsamen Vertrauen blüht die
Phantasie, wird möglich, was wir für unmöglich gehalten haben, wachsen wir
gemeinsam über uns hinaus.
So erklär ich mir das schwierige Wort vom Geist, vom heiligen Geist.
Dass sein Wehen das Leben möglich macht, ist eine alte und verlässliche
Erfahrung von Menschen und Gemeinden.
Möge er uns tragen und behüten auch in der Zeit, die vor uns liegt.
Ihnen und Euch einen schönen Herbst und eine frohe und friedvolle Adventsund
Weihnachtszeit.
Ihre und Eure Friederike Jaeger

Thema:
Auf der Suche nach der richtigen Lebensweise
Der Alternative Nobelpreis will Menschen würdigen, die sich – ohne mächtige Lobby im
Hintergrund – täglich für eine menschenwürdige Zukunft einsetzen.
In diesem Jahr ist unter den drei Preisträgern Colin Gonsalves, ein indischer
Rechtsanwalt. Er hat ein Netzwerk aufgebaut, das Frauen, Angehörige der unteren
Kasten, im Gefängnis vergessene Gefangene, kurz: die Armen vor Gericht vertritt. Das
Netzwerk hat auch erreicht, dass „das Recht auf Nahrung“ in die indische Verfassung
aufgenommen wurde.
Nun werden die „Realisten“ sagen, dass die paar hundert Anwälte des Netzwerks doch
die Ungerechtigkeit in einem so großen Land wie Indien nicht beseitigen können, und
dass das Recht auf Nahrung, das bloß auf dem Papier der Verfassung steht, kein
Reiskorn wachsen lässt. Aber das ist zu kurz gedacht. Um gegen die Ungerechtigkeit
anzugehen, muss man die Möglichkeit des Rechts hier und da und dort wirklich werden
lassen, um zu zeigen, dass das Gebot lebt; und das Recht auf Nahrung zeigt jedem Staat
und jeder Gesellschaftsordnung, die Menschen hungern lässt, dass sie nicht nur
unmoralisch sind, sondern auch ungesetzlich. Das Recht steht auf der Seite der
Hungernden. Es geht also um die Suche nach und den Kampf um die richtige
Lebensweise.
Als Colin Gonsalves vor etwa drei Jahrzehnten begann, seine Idee zu verwirklichen und
sich auf den Weg begab, war die Zahl derer, die das achselzuckend für aussichtslos
hielten, sicherlich groß. Man hielt ihn für einen Spinner und wandte sich
gewinnbringenden Geschäften zu. Heute können wir sehen, dass die Zeichen, die er
und seine Mitstreiter gesetzt haben, wichtige Schritte sind auf dem Weg. Und wir
können daraus schließen, dass auf dem Weg zum richtigen Leben der Anschein der
Aussichtslosigkeit kein Argument ist. Um wirklich realistisch zu sein, muss man das
Unmögliche versuchen. Wohlan!
Richard Scherer, Mitglied des Kirchengemeinderates